Der Ozeanpianist und die Künstlerin

Vielleicht sagt dem ein oder anderen der Titel „Novecento der Ozeanpianist“ etwas. Die besagte Geschichte handelt von einem Säugling, der an Bord eines Kreuzfahrtschiffes gefunden wird, zunächst im Maschinenraum aufwächst, mit 8 Jahren dann aber sein wahres Talent entdeckt und fortan den Flügel im Ballsaal der 1. Klasse zum klingen bringt. Aus ihm wird ein begnadeter Musiker, der in seinem Leben jedoch nie einen Fuß an Land setzen wird.

Diese kleine Story kommt mir in den Sinn, als ich Mitte Januar Napier erreiche. Napier ist die Art Déco Metropole schlechthin. Zumindest wird sie so vermarktet – mit Erfolg. Nach einem verehrenden Erdbeben 1931 (7,9 auf der Richterskala) wurde die Stadt – trotz der Weltwirtschaftskrise – in nur zwei Jahren wieder aufgebaut. Und zwar komplett im Art Déco Stil.
Heute pilgern noch immer Architekturfans aus aller Welt nach Napier. Und um den Stil der 30er zu komplettieren, kann man hier im Oldtimer durch die Straßen tuckern, Kostümgeschäfte durchstöbern und jede Menge (Jazz-) Musik hören. Um Letzteres zu fördern hat die Stadt vor ein paar Monaten ein Klavier gestiftet, das in der Fußgängerzone zur freien Verfügung bereitsteht. Als ich das erste Mal von der Strandpromenade in Richtung Clive Square schlendre, spielt David am Klavier und sein Kumpel Keith zupft an einem selbstgebauten Gießkannenbass. Noch nie einen Gießkannenbass gesehen oder gehört? Na dann bitte:

Die beiden zocken aber nicht nur für ein paar müde Dollar in der Fußgängerzone, sondern haben ihr Talent bereits dazu genutzt, eine eigene Pianobar zu eröffnen. Dort spielt David jeden Abend auf Zuruf einen Hit nach dem andern. Jazz, Folk, Country, Rock…völlig egal. Übung hat er. Denn er ist der Novecento dieser Geschichte – auch wenn er am Ende an Land geht und inzwischen seinen Job auf dem Kreuzfahrtschiff gekündigt hat um in Napier sein Ding zu machen.

Das Design des Straßenklaviers stammt übrigens von einer lokalen Künstlerin namens Jil of Aotearoa. Jil hat auf Anfrage von David und Keith einige Arbeiten als Dauerleihgabe in der Pianobar ausgestellt. Da mir die Skulpturen, Gemälde und besonders die „POP Art“ (Posters of Protest – bezogen auf die Öl- und Gas-Abbauvorhaben der neuseeländischen Regierung) sehr gefallen, wird veranlasst, die Künstlerin in ihrem Atelier zu besuchen. Jil ist von der Anfrage begeistert und lädt uns schon für den nächsten Tag zu sich ein.

Open Air Museum „off the grid“

Was ich mir als kleine bunte Werkstatt vorgestellt hatte, entpuppt sich als gigantischer Skulpturengarten, etwa 30 Kilometer nördlich von Napier. Wir kommen zu viert (David, Keith, Jessica und ich) in einem alten Subaru Legacy die Einfahrt herunter gerollt und sehen schon auf Anhieb, dass das hier keine kleine Klitsche ist. Inmitten gerodeter und als Farmland genutzter Hügel liegen die 24 Acre Land (grob 100 Hektar!) von Jil und ihrem Mann Griz. Auch dieses Grundstück war Farmland; bis die beiden es vor rund 12 Jahren gekauft haben und anfingen Bäume zu pflanzen. Die genaue Anzahl lässt sich schwer beziffern: Jil sagt etwas von 2.500. Griz meint es seien 4.000 gewesen. So oder so. Man kann sich vorstellen, dass bei diesen Zahlen nicht viel langweiliges Farmland übrig geblieben ist. Stattdessen, haben sich die beiden ihre eigene Wildnis gezaubert, mit Wanderwegen, umgeleiteten Bächen, einer Obstplantage und einem großen Teich. Der eigene See ist in Planung. Kein Witz! Und hinter jedem Busch lauert ein kleines Kunstwerk: Skulpturen, bunte Hunde, Pilze aus Holz etc…

Das mag jetzt nach großem Reichtum klingen. Aber Jil und Griz leben vollkommen „off the Grid“ – also ohne Anschluss an die öffentliche Strom oder Wasserversorgung. Sie ernähren sich zu großen Teilen von dem, was sie selber anbauen. Natürlich legen die eigenen Hühner die Frühstückseier und der kleine bunte Papagei krächzt ein freundliches „hello!“. Ihre Wohn- und Arbeitsräume haben sie sich selbst gebaut. Schlicht aber mit unendlich viel Liebe zum Detail und mit scheinbar unerschöpflicher Kreativität. In erster Linie sind beide Bildhauer. Griz arbeitet nebenbei als Handwerker und Gärtner. Jil malt und entwirft die besagten Protestposter. „Ganz Neuseeland wird derzeit aufgekauft von den großen Öl- und Gaskonzernen“, sagt sie. Ein paar Tage später halte ich ein Buch in der Hand, auf dessen Rückseite steht, Neuseeland sei das neue Saudi-Arabien. Kein Wunder, dass sich hier Protest regt. „Seit ich die Poster verkaufe, scheint meine Internetverbindung immer schlechter zu werden“, fügt Jil grinsend hinzu. „Ob da wohl jemand sauer auf mich ist und meint, mich ausspionieren zu müssen?“

Jils und Griz’ Skulpturengarten ist jedenfalls eine echte Sehenswürdigkeit. Da sind wir uns alle einige. Ob sie denn nicht schon kostenpflichtige Führung anböten. Als Nebeneinkommen doch zweifellos eine feine Sache. Und die Leute würden kommen, wenn man die Sache nur richtig anpreist. David und Keith sehen sich schon Konzerte geben auf der großen Wiese am Teich. Ich spreche mit Griz über den Bau einer Webseite und das Erstellen von Flyern. Die Pianobar wäre auf jeden Fall ein guter Ort, um die Führungen anzupreisen. Ist sie ja schließlich jetzt schon, sonst wäre ich nicht hier.

Napier gerne wieder

Auf dem Weg zurück in die Stadt mache ich mir jede Menge Notizen. Was man hier alles machen könnte…! Spätestens beim allabendlichen Absacker in der Pianobar – David spielt einer alten Dame zuliebe einen Song von John Coltrane – steht fest, dass ich früher oder später hier her zurück kommen werde. Vorzugsweise im Herbst. Die Pianobar soll ausgebaut werden. Das Art Deco Wochenende steht an und verwandelt die ganze Stadt ins Napier der 1930er Jahre. Jil und Griz brauchen immer Hilfe in ihrem riesigen Garten. Und wenn die Musik mal zu 12-tönig und der Rest eintönig wird, gibt’s hier immer noch einen sehr passablen Strand und jede Menge Wein! Prost drauf. Doch so lange der Sommer das Reisen noch zulässt, geht’s zunächst einmal auf die Südinsel. Wo auch Arbeit auf mich wartet. Und natürlich jede Menge Camping, Bergwanderungen, Gletscher, Wasserfälle, weite Strände und aber Millionen von Sandflies!

(Ich bin schon seit 2 Wochen nicht mehr in Napier, komme jedoch erst jetzt dazu, diesen Artikel zu schreiben. Derzeit bin ich in Hokitika – an der Westküste der Südinsel.)

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