Tongariro Alpine Crossing

Neuseelands beliebteste Tageswanderung

Taupo (korrekt ausgesprochen klingt es fast chinesisch: tau-póh) ist eine kleine Stadt mit rund 22.500 Einwohnern im Zentrum der Nordinsel, die vor allem für ihren gleichnamigen See und die diesen umgebende Berg- bzw. Vulkanlandschaft berühmt ist. Abenteuerlustige Touristen aber auch Kiwis pilgern hierher um sich aus Flugzeugen zu stürzen (Taupo ist ein Mekka für Fallschirmspringer), mit Mountainbikes über Schotterpisten zu brettern oder um das berühmte Tongariro Alpine Crossing zu wandern. Letzteres habe ich am nächsten Morgen vor.

„The Crossing“, wie sie im Volksmund genannt wird, ist ein rund 20 Kilometer langer Tagestrip, der entlang  Tongariro Mountain und des Mount Ngauruhoe führt. Letzterer dürfte Herr der Ringe Fans besser bekannt sein unter dem Namen „Mount Doom“. Die Gipfel beider Berge können ebenfalls bestiegen werden. Dann verlängert sich die Wanderung um weitere 2 bzw. 3 Kilometer. Zusammen mit meinem Tauch- und inzwischen Wanderkumpel Taras benötige ich für das Crossing rund 8 ½ Stunden – inklusive Gipfelbesuch auf Mount Doom.

Kurz bevor es um 7:20Uhr losgeht, weist uns die freundliche Busfahrerin noch einmal auf folgendes hin: „Ihr könnt auf den Gipfel, das Wetter lässt das heute zu. Aber seid euch im Klaren: It is really, really, really, really, really hard!“ Fünf Mal „really“. Definitiv also kein Kindergeburtstag! „Macht das wirklich nur, wenn ihr den Track bis zur Abzweigung „leicht“ oder „sehr leicht“ fandet. Ich warte also erst einmal gespannt ab und teste den Anfang des Wanderwegs. Kinderleicht! Im wahrsten Wortsinn. Selbst ein paar 8-jährige stiefeln hier herum. Dieser letzte Rat ist so wertlos wie ein Knopf im Kleingeldfach. Denn der Aufstieg und vor allem der Abstieg sind wirklich, wirklich, wirklich, wirklich, wirklich anspruchsvoll um nicht zu sagen leichtsinnig und gefährlich. Erstens: Es gibt keinen Track! Nur einen Gipfel und eine konstant 40-50 prozentige Steigung, die hinauf führt. Zweitens: Das Lavagestein und die Asche liegen locker auf dem Fels, so dass man häufig einen Schritt vor und zwei zurück macht. Wenn man auf allen Vieren das erste Drittel hinter sich gebracht hat – und dabei noch nicht von herunter rollenden Felsbrocken erschlagen wurde – erreicht man eine Sektion mit soliden Felsbrocken, die nicht verrutschen und entsprechend einfach zu besteigen sind. Schwierigkeiten bereiten uns ab hier zur Abwechselung Wind und Kälte. An manchen Felsen hängen noch kleine Eiszapfen. Der Fels ist scharf. Dennoch müssen wir uns festhalten. Zum einen weil es manchmal doch rutschig wird. Zum andern weil es verdammt nochmal steil ist und ich beim Hochblicken immer wieder an einen meiner Lieblingsfilme denken muss: Vertigo.

Kurz vor den Gipfel brüllen wieder einmal dutzende Leute „Rooock!“, weil sich schon wieder ein Felsbrocken gelöst hat. Diesmal aber ist es ernster als zuvor. Ein Medizinball großer Stein rollt auf einen Wanderer zu, der ca. 150 Meter unter uns ist. Fast schon wie in einem schlechten Slapstick Sketch springt er nach links und nach rechts, um dem Stein auszuweichen. Es gelingt ihm. Und wir hören den gesamten Berg erleichtert ausatmen.

Kurz danach läuft uns ein weiterer Schauer über den Rücken als wir auf dem Gipfel ankommen und unverhohlen in den Schlund eines Vulkankraters blicken. Der Wind pfeift. Fotos machen wird zur Tortur. Ein großer Felsen bietet uns dann etwas Schutz für ein kleines Picknick und erlaubt uns, die großartige Aussicht in unser Gedächtnis zu meißeln: Aschefelder, erkaltete Lavaströme, Bereiche aus gelblichem Schwefelgestein. Dazu die Emerald Lakes, die in kräftigen Blau- und Grüntönen um die Wette schillern, dampfende Felsspalten und jede Menge blauer Himmel.

Getrieben von der Kälte steht dann der Weg ins Tal an. Immer noch kommen dutzende Wanderer den Berg hoch gekrochen. Wenn wir da jetzt runter gehen und Steine lostreten kann das ganz schön böse enden, denken wir. Also suchen wir uns eine Stelle, an der uns niemand entgegen kommt. Der Untergrund hier ist weich und locker. Zum herauf klettern völlig ungeeignet, können wir hier jetzt in Kackstuhlhaltung entspannt herunter surfen. Nicht minder leichtsinnig. Aber lustig. Aufstiegszeit: ca. 1,5 Stunden. Abstieg: 30 Minuten.  Ab jetzt sind es noch 14 Kilometer bis zum Parkplatz an dem unser Auto steht.

Der Rest der Crossing führt zunächst an den schon angesprochenen bunten Seen vorbei, erlaubt weitere atemberaubende Einblicke in Vulkankrater, schöne Aussichten auf den Lake Taupo, die Erfahrung, seine steifgefrorenen Hände an einer natürlichen, vulkanisch angefeuerten Fußbodenheizung zu wärmen und mündet schließlich in einem entspannten Auslaufen durch Flex- und Farnwald. Gegen 16Uhr sind wir zurück am Auto und ziehen voller Genugtun die Schuhe aus. Aaaahhhhh…..

Ein paar Hinweise

Der eigentliche Teil der Crossing, also ohne die Besteigung von Mount Doom oder Mount Tongariro, ist leicht in der angebenen Zeit zu schaffen (Ca. 6 ½ Stunden. Der letzte Bus wartet am Parkplatz bis 16:30Uhr). Da bleibt selbst Zeit für ein ausgedehntes Picknick auf den warmen Steinen am Blue Lake. Wer sich für fit genug hält, sollte sich definitiv am Mount Doom probieren. Die Aussicht ist die Strapazen wert!

Ein Tipp am Rande: Wer selber ein Auto hat, sollte damit am Morgen bis zum Ketatahi Parkplatz fahren und es dort abstellen. Zig Unternehmen bieten Shuttletransporte von dort zum Anfang des Tracks an, sodass man am Ende wieder dort auskommt, wo man geparkt hat. Eine Shuttlefahrt kostet 30$NZ. Großer Vorteil, außer dass man eine Shuttlefahrt spart: Man hat sein Auto vor Ort und steht nicht unter Druck, den letzten Bus bekommen zu müssen.

Von Taupo nach Napier

Muskelkater braucht erfahrungsgemäß zwei Tage um sich vollständig zu entfalten. Ich bin zu diesem Zeitpunkt bereits von einem Delorian ins Jahr 1931 zurück gebeamt worden. Und zwar nach Napier, der Art Deco Metropole schlechthin, wo man noch glaubt, dass sein Tischnachbar im Eckcafé F. Scott Fitzgerald sein könnte. Aber das ist eine andere Geschichte – eine mit viel guter Musik, leckerem Bier und sprechenden Papageien.

 

 

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