Sextourismus, Gogo-Girls und ich

Immer als ich bei meiner Reiseplanung Thailand erwähnte, erhielt ich zwei unterschiedliche Reaktionen. Die erste Reaktion, meistens von gleichaltrigen Menschen war durchweg positiv, denn Thailand zählt zu einem absoluten Backpacker Mekka. Dies bedeutet, viele junge Menschen, die die Welt erkunden und Bier, Party und Strandleben haben möchten. Eine andere Reaktion erhielt ich von Mitmenschen, der etwas älteren Generation. Bei diesen viel des Öfteren das Wort „Sextourismus“. Da meine Absichten nicht darin bestehen diesen Service in Anspruch zu nehmen, musste ich dennoch, teilweise ewiglange Predigen über das unmoralische Geschäft anhören.

Bis jetzt habe ich das Backpackerleben kennen und schätzen gelernt. Ohne gezielt in bösen Gegenden zu gehen, wurde ich trotzdem des Öfteren mit diesen Industriezweig konfrontiert. Mein letztes Reiseziel führte mich zu einem sehr großen Vergnügungsort:

Phuket, Patong Beach ist wohl mit Abstand der gottloseste Platz auf Erden: Sex, Drogen, Alkohol, Sex, Sex, Sex alles gebündelt auf einer Straße. In dieser Hauptstraße reit sich eine Bar nach der anderen. Vereinzelt einige Fastfood-Resturants, kleine Shops und große Diskotheken. Blinkende, grelle und farbenreiche Lichter erhellen die Nacht.

Ein Spaziergang durch diese Straße ähnelt einem Spießroutenlauf: „Hello my friend. Ping Pong-Show? – Do you want to go to Ping Pong Show? Beautiful pussies!” – „No, thanks“. – „Why not?“. Oder: „Something to smoke?“, waren noch die sympatischsten Gespräche. Anders als, die auf Dauer nervigen aber überaus hübschen Thai-Mädels, die an jeder Ecke standen: „Massaaaaaaage!!!“. „Hello handesome man – do you have a lady for tonight?“. Und egal was man auf diese Frage antwortet, man hat verloren. Bei Nein: Ja dann nehme mich doch mit. Bei Ja: Wo ist sie denn? Ich bin viel besser – ich kann dich glücklich machen. Schon verrückter Smalltalk. Und überall, alte, eklige, fette Europäer mit bildhübschen, jungen Thai-Mädchen im Arm auf den Weg ins Hotel.

Gut das es an jeder Ecke einen Supermarkt gab um den stressigen Zustand mit einem kühlen Bier zu bekämpfen. Mit einem lustigen Holländer machte ich dann Phuket unsicher.

Eine Bar mit fünf Gästen und 17 heißen Mädchen in kurzen Miniröcken und einem türkiesen Top, das gerade mal das bedeckt, das bedeckt werden soll. Dort lernte ich die 26-jährige Tänzerin Cherry kennen.

Cherry flirtete mit mir während sie auf der Bar tanzte. Und wir kamen ins Gespräch. Cherry betonte, dass sie meine schüchterne, zurückhaltende Art mag und nicht wie der, durchschnittlich 55 Jahre alte Kunde, andauernd die Mädchen begrabscht. Dann fing sie an mich dezent zu streicheln. Bevor sie da irgendwas falsch versteht, habe ich ihr ganz klar gesagt, dass ich ein armer Backpacker sei und kein Geld habe. Trotzdem machte sie mir weiterhin schöne Augen während wir uns unterhielten. Ich erwähnte, um auf Nummer sicher zu gehen: „I’m not a customer. I’m your friend.“ Sie nickte mir zu und zog mich auf einen freien Platz direkt vor ihrer Tanzfläche. Eine super Aussicht ;). Zwischenzeitlich kam eine Art Zuhälter und bot mir an, sie mit ins Hotel zu nehmen. Ich lehnte ab.

Bar- und Gogo-Girls werden von der Bar eingestellt um die Gäste zu unterhalten. In anderen Worten sie werden dafür bezahlt mit den Gästen zu flirten und sich einen Drink ausgeben zu lassen. Wenn man dann Lust hat mit diesem Mädchen den restlichen Abend, weiter zu Zweit, zu verbringen, kann man diese für umgerechnet 10 Euro „Barfine“ von ihrem Bar-Job „freikaufen“. Natürlich mit dem Einverständnis des Mädchens. Das Mädchen profitiert weiter, dass der Mann ihr ein Essen oder weitere Getränke an diesem Abend spendiert. Meistens jedoch landet so ein Paar in seinem Hotelzimmer. Für weitere 20 Euro, die dann komplett das Mädchen einnimmt, verbringt sie dann die Nacht mit diesem Gast.

Im Falle von Cherry, war es ersichtlich, dass wir uns verstanden haben und wenn ich wollte, hätte ich sie gegen eine Bezahlung mitnehmen können. Wie so viele Mädchen in diesem Geschäft sind sie auf das Geld angewiesen und üben deswegen diesen Job aus. Meistens müssen sie ihren beruflichen Werdegang abbrechen, um für die Versorgung der Eltern aufzukommen, in dem sie schnelles Geld verdienen. Bei einer Arbeitszeit von 17 bis 3 Uhr (10 Std.!) und einem freien Tag in der Woche, verdient sie 300 € im Monat. Damit kommt sie so gerade über die Runden. Somit ist sie auf die Zusatzeinnahmen der Gäste angewiesen. Sie kümmert sich durchschnittlich um zwei Gäste pro Woche.

Als sie nach ihrer 30 minütigen, sexy Tanzdarbietung wieder kam, bot sie mir an, nach Feierabend mich in der Stadt rumzuführen. Aber ohne Bezahlung. Um dies zu umgehen wartete ich bis sie Feierabend hatte und wir trafen uns später. Eine sehr heikle Sache für sie. Barbesitzer sehen es außerordentlich ungerne, wenn sich ein Mädchen mit einem Gast trifft, den sie in der Bar kennen gelernt hat und er für sie nicht gezahlt hat.
Wir trafen uns an einer verabredeten Stelle und ich ging mit ihr und einem weiteren Gogo-Girl Mae gemeinsam essen. Sie zahlte sogar mein Essen. Dafür musste ich einige extrem scharfe Sachen probieren. Ich mag gerne scharfes Essen und war in Thailand schon sehr experimentierfreudig, was den „Schärfegrad“ angeht. Der Papaya Salat mit Chili-Schoten hat mich trotzdem aus den Schuhen gehauen. Dies endete mit einem mächtigen, nicht stoppenden Schluckauf. So waren die Lacher auf meiner Seite.

Cherry wurde nach einer Weile extrem müde und ich begleitet sie zu einem Taxi-Stand. Total übermüdet klammerte sie sich an mich und ich nahm sie in den Arm. Mit einer thailändischen Schönheit im Arm, sah ich nun auch aus wie so ein Sextourist.

Wir tauschten email-Adressen aus, ich bekam ein Küsschen auf die Backe und eine herzliche Umarmung. Dann verschwand sie auf einem Taxi-Scooter in die Nacht.

Es folgt eine kleine Bierdeckelrechnung für den durchschnittlichen Stundenlohn eines Gogo-Girls:

Als Basis dienen die Informationen, die ich von Cherry erhalten habe.

Grundgehalt 300 € addiert mit den variablen Einnahmen, abhängig von der Anzahl der beglückten Gästen x.

Einkommen = 300 + 20x

Arbeitszeit a multipliziert mit 26 Arbeitstagen. Substituiert mit der Zeit der Barfine-Bezahlung z, abhängig der Anzahl der betreuenden Gäste x addiert mit einer persönlichen Servicezeit s.

Arbeitsstunden = (26*a)-(z*x)+(s*x)

Auf Deutsch: Bei einem Grundgehalt von 300 €, kümmert sie sich um 8 Gäste (x) pro Monat. Wenn diese Gäste sie kaufen verlässt sie ca. 2 Stunde (z) vor dem normalen Feierabend, ihren Arbeitsplatz und verbringt ca. 6 Stunden (s) mit diesem Gast.

Stundenlohn (x=8; s=6; a=10; z=2; s=6)
= Einkommen / Arbeisstunden
= 300 + 20 x / (26*a)-(z*x)+(s*x)
= 300 + 20 * 8 / 26 * 10 – (8*2) + (6*8)
= 460 / 292
= 1,58 € / h

Dies ergibt einen Stundenlohn von 1,58 Euro.

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