Beziehung mit einem Ladyboy

(Fortsetzung des vorherigen Artikels „Kneipenfreundschaft in einer Hippie-Bar“)

Mein englischer Freund Guy ist mit Sara zusammen. Sara ist ein thailändischer Ladyboy. Eine Frau gefangen in einem Männerkörper. Andere Touristen lästern, es wäre einfach eine große schauspielerische Leistung, die solche Kerle abgeben, doch ich durfte sie/ihn ja ein  wenig kennen lernen – typisch Frau! Sie führt sich auf wie eine Lady und möchte wie eine behandelt werden. Mir ist in meinem jugendlichen Leichtsinn der Fauxpax passiert, sie nach ihrem Alter zu fragen. Sie schaute mich irritiert an, verweigerte mir die Auskunft und belehrte mich, nie nach dem Alter einer Frau zu fragen – dann war für mich alles klar. Sara ein ca. 20 Jahre junger Mann, hat letztes Jahr fast die landesweite Ladyboy-Competition gewonnen (eine Mischung aus Germany Next Top Modell und eine Miss-Wahl zusammen mit Transvestiten). Am Ende wurde sie zum viert schönsten Ladyboy Thailands gewählt. Mit dem entsprechenden Vorwissen fällt es mir schwer Sara in eine Attraktivitätsskala einzuordnen. Für mich ist ein Mann, ein Mann auf die ich nicht stehe, und eine Frau ein schönes Geschöpf auf Muttererde.

Sara machte auf dem ersten Blick, wegen ihrer Kleidung und ihrer zierlichen Figur, den Eindruck eines Mädchens. Beim genaueren Hinsehen erkannte ich einige männlichen Körpereigenschaften. Breites Kinn, hervorstehender Adamsapfel und eine schlichte, ausgeprägte Schulterpartie. Dennoch ist sie bemüht weibliche Vorzüge zu betonen. Mit Make-Up, Lippstick und Eyeliner wurden diese zur Schau gestellt. Auch der Brustansatz, einer geschätzten Körpchengröße A, ist erkennbar. Ob diese Brüste operiert oder einfach nur gut ausgestopft sind, konnte ich nicht erkennen.

Guy lernte sie in Chiang Mai kennen. Er ist voll und ganz mit der Beziehung zufrieden, da er in einer bestimmten Art und Weise befriedigt wird, die er vorher noch nie so intensiv erlebt hatte. Meine Frage, ob er schwul sei, verneinte er. Er sieht in Sara ein Mädchen. Sara kann auch nichts dafür, dass sie in einem Männerkörper geboren wurde. Er genießt die Zeit mit ihr. Auf einem Motorradtrip, einige Tage zuvor, machte er ihr einen Heiratsantrag. Klar sieht er es ein, dass es für Normaleuropäer, wie ich es bin ziemlich merkwürdig klingt. Doch er tut es ihr zu liebe, damit sie in England Geld verdienen kann, um dann in Brighton, der weltweiten Hauptstadt für Transvestiten und Homosexuellen, sich endgültig und vollständig um operieren lassen kann.

Geschockt, amüsiert und interessiert fasste ich diese Flut an neuen Informationen auf. Ich bewunderte Guys Aufopferung, wünschte ihm viel Glück bei seinem Vorhaben und wir prosteten uns zu. Zurück in der Bar wartete ich kurz draußen, da ich noch knapp ein Viertel von meinem Bier übrig hatte und setzte mich neben Lilly(Backpackerin aus Östereich), die aufregend mit einigen Thailändern quatschte. Sie erzählte mir von einem inspirierenden Gespräch mit Sara. Sie war total durcheinander und interessiert, was ich wohl die ganze Zeit mit Guy besprochen hätte. Verwundert über ihr Interesse sagte ich nur, dass Guy und Sara zusammen sein und wohl noch länger zusammen bleiben würden.

Guy unterbrach unser Gespräch und wollt unbedingt noch mit mir einen Cocktail trinken gehen. Ich willigte ein und wir gingen in eine Bar, die neben seinem Guesthouse lag. Dort anbekommen empfahl mir Guy einen quietsch grünen Cocktial mit der Bezeichnung „Around the World“. Statt einem Cocktailschirmchen im Glas hatte ich auf dem Holzpiecker ein kleines, lustiges Männchen 😉

Angeheitert kamen wir zurück zur Hippie-Bar, wo Sara uns sehnsüchtig erwartete. Sie fing an zu meckern und zu gestikulieren: „Wie konntest du mich nur hier alleine in der Bar zurücklassen“. Ich versuchte zu schlichten. Vor unserem Spaziergang haben wir sie gefragt und sie hat verneint. Aber da „frau“ ja schon rein vom biologischen her, immer recht hat, viel es da schwer gegen anzukommen. Guy konnte sie dann wieder beruhigen und die Sache wäre fast wieder in Ordnung gewesen, wenn nicht Lilly in der Zwischenzeit unseres Cocktail-Ausfluges versucht hätte Sara zu küssen. So wie ich dies interpretiert habe, wollte einfach Lilly mal mit einer weiblichen Person mit männlichem Geschlechtsteil etwas „ausprobieren“. Lilly sah ich demnach auch nicht mehr wieder. Schade sie war irgendwie ganz unterhaltsam auf einem sehr verrückten Niveau.

In der Bar tranken wir drei zusammen noch ein Bierchen zusammen. In einer anderen Ecke musizierte ein Thai auf seiner Gitarre und sang mit weiteren Gästen verschiedene Mitsingsongs. Sara bewunderte meine grün-gelben Augen und streichelte mir über ein Bein. Ich versuchte Guy in unsere Gespräche irgendwie ein zu  binden, doch er hing total fertig mit der Welt, nur rum und checkte nicht mehr alles so genau. Sara fragte mich, ob ich mit beiden zusammen die Nacht verbringen möchte. Dankend lehnte ich dieses Angebot ab. Auch einen gemeinsamen Trip in einen schwarzen Tempel nördlichen der Stadt musste ich leider absagen, da ich mit Flo noch einen geilen Trip vor mir hatte. Wär bestimmt ganz lustig mit dem Pärchen weiter rum zu reisen. Doch vielleicht würde ich dann Erfahrungen machen, die ich hinterher in verschiedenen Weisen bereuen könnte.

Zu meiner Rettung erschien ein volltrunkener Amerikaner im Eingangsbereich und torkelte in Richtung Bar. Sara und ich begrüßten ihn freundlichen und luden ihn ein sich zu uns zu setzen – Gut für mich. Sara hatte eine neue Beschäftigung gefunden. Sie beleidigte und schimpfte auf die Amerikaner. Find ich gut, dass sich die ganze Welt sich über die USA beschwert und ich als Deutscher weniger mit der Vergangenheit konfrontiert werde. Es stellte sich heraus, dass der Trunkenbold schon durch diverse Bars gestolpert ist. Jedesmal in der Hoffnung, dort jemanden anzutreffen, der ihm erklären könnte in welchem Guesthouse er untergekommen sei. Er konnte sich nicht einmal an den Namen, geschweige die Richtung erinnern, wohin er muss. Einziges Indiz: sein Schlüssel und ein hölzerner, sperrigen Miniaturbowlingpin als Schlüsselanhänger. Als fast Einheimischer in Chiang Rai, konnte ich sofort weiter helfen. Denn mein Guesthouse hat genau den gleichen Pin. Zusammen fanden wir dann zurück.

Eindrücke aus Chiang Rai:

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